Über die Sucht, gebraucht zu werden

Wie soll uns eine göttliche Kraft helfen, wenn wir uns so tief in die Bedürfnisse anderer verstrickt haben, dass wir tatsächlich glauben, dass diese anderen es ohne uns nicht schaffen können, wir selbst aber auch nicht mehr zur Verfügung stehen wollen, weil ihre Bedürftigkeit über unsere Kräfte geht und sich ein ganz natürliches inneres Abwehrsystem zu melden beginnt? Was fehlt, welchen Schlüssel dürfen wir anwenden?

Wir haben vielleicht vergessen, dass nicht nur wir selbst geführt werden, sondern jeder andere auch. Auch der, der so völlig von uns und unserer Energie abhängig zu sein scheint, hat einen eigenen Seelenplan, ein eigenes Kraftfeld; Gott wacht auch über ihn. Jeder von uns hat seine Führung, seine Schutzengel. Die Schutzengel der anderen planen uns nicht als feste Größe in ihren Dienst mit ein. Wir sind nicht der Schutzengel anderer, wir haben unser eigenes Schicksal zu tragen, und damit sind wir mehr als genug beschäftigt. Zu unserem Schicksal gehört nun mal auch, zu lernen, uns aus den Angelegenheiten der anderen rauszuhalten.

Wir ziehen Menschen in unser Umfeld, die uns zu brauchen scheinen, die Hilflosigkeit signalisieren, und wir gehen Beziehungen mit ihnen ein, weil das unser Suchtmuster ist. Wie bedürftig diese Menschen tatsächlich sind, ist dabei ziemlich gleichgültig, das Wesentliche ist, dass wir uns als hilfreich erweisen können. Was tun wir nun, wenn wir erkennen, dass wir unseren geliebten Partner, einen Freund oder eine Freundin mit genau dieser Energie in unser Leben gezogen haben, jetzt aber selbst genesen wollen? Was tun wir, wenn der andere nicht dazu bereit ist, seine Hilflosigkeit aufzugeben und seine eigene Kraft anzunehmen? Nun, unsere Genesung ist nicht davon abhängig, dass der andere seine Selbstverantwortung zu nutzen beginnt, aber natürlich macht es sie sehr viel leichter. Wenn wir den Inhalt des Päckchens oder des riesigen Pakets, das wir uns für den anderen auf die eigenen Schultern geladen haben, nach und nach abgeben, hilft es uns natürlich sehr, wenn der andere das Päckchen oder Paket auch haben will, es uns bereitwillig abnimmt. Wenn er das nicht tut, dann dürfen und sollten wir es an den Schutzengel des anderen übergeben, durchaus ganz wörtlich in einem inneren Bild. Ob der andere seine Selbstverantwortung nutzt oder nicht, können wir nicht beeinflussen. Wir tragen dafür Sorge, dass unsere Abhängigkeit davon, dass der andere uns braucht, keine neue Nahrung bekommt.

Wenn du also ein inneres Nein spürst, dann lasse es zu, dann folge ihm, auch wenn du nicht weißt, wie es für den anderen weitergeht. Wie gesagt, wir alle werden geführt, und wenn du für den anderen nicht mehr als Kraftquelle zur Verfügung stehst, dann gibst du damit Gott eine Chance, für den anderen neue Kanäle zu erschaffen. Du weißt doch, wenn eine Tür sich schließt, dann öffnet sich ganz leicht eine andere, und das gilt auch hier. Wenn du nicht mehr zur Verfügung stehst, dann gibt es für den anderen eine andere, wahrscheinlich sogar bessere Lösung. Es geht in deiner Genesung nicht darum, dass der andere etwas lernt, aber es kann helfen, zu wissen, dass du ihn nicht im Regen stehen lässt. Auch ihm dient deine Genesung, du gibst Gott eine Chance, anders zu wirken als nur durch dich. Es ist unsere Krankheit, unsere Sucht, gebraucht zu werden, nicht die Bedürftigkeit des anderen, die uns so sehr zu schaffen macht und uns bis an den Rand eines Nervenzusammenbruchs (und darüber hinaus) führen kann. Co-Abhängigkeit ist wie jede Sucht ernstzunehmend und wird unbehandelt schlimmer. Sie kann zu körperlichen Krankheiten, zu Depressionen, Angstzuständen und als letzte Konsequenz bis hin zum Freitod führen. Wenn du in dich hineinspürst, dann weißt du das auch, denn du kennst diese Tage, an denen dir alles derart zu viel ist, dass du nicht mehr hier sein willst, an denen dich das Leid der Welt zu ersticken droht und du dich ernsthaft und mit Recht fragst, was du hier eigentlich willst. Dann ist es Zeit, dich völlig zurückzuziehen, die inneren Schotten dicht zu machen und dich auf dich selbst zu besinnen. Diese seltsame Gefühllosigkeit, die du vielleicht manchmal erlebst, ist ein Schutzmechanismus deines eigenen emotionalen Systems.

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